Alte Synagoge Freiburg, Rekonstruktion und Visualisierung von LINK3D Freiburg

Durch spektakuläre Funde bei der Umgestaltung des Platzes der alten Synagoge derzeit in aller Munde, war die Alte Synagoge Freiburg für die Freiburger Spezialisten LINK3D bereits 1999 ein Thema intensiver Bearbeitung.

Entsprechend der bereits von den Architekturschulen in Wiesbaden und Darmstadt erstellen Computer­rekon­struktionen der zerstörten Synagogen Wiesbaden und Frankfurt wurde die Alte Synagoge Freiburg in ihrem ursprünglichen Zustand von 1870, also ohne den Erweiterungsbau von 1926, als Computerrekonstruktion erarbeitet. Die Wahl fiel auf den Ursprungsbau, weil hier der Vergleich zu den Vorbildbauten in Stuttgart und Basel am Interessantesten scheint und im Zuge der Erweiterungen ein großer Teil der ursprünglichen Werksteinarbeiten überputzt wurde.

Die Entstehung

Erbaut wurde die Alte Synagoge Freiburg vom Architekten Georg Jakob Schneider  in den Jahren 1869/70. Der Synagogenbau in Freiburg wird aufgrund seiner ins Auge fallenden minarettartigen, den Eingangsrisalit flankierenden Türmchen und der Ornamentik der Türen als byzantinisch-maurisch eingestuft. Die umlaufenden Bogenfriese lassen an romanische Vorbilder denken, von denen auch die halbrund zulaufenden, in den Haupt- und Seitenfronten durch zierliche Säulchen dreigeteilten Fenster abgeleitet sind. Die vertrauten Elemente lassen das Gebäude, das durch sein umlaufendes Gurtgesimms hausartigen Charakter erhält, trotz seiner Mischform dennoch als Gotteshaus erkennen. Eindeutige Zeichen der Religionszugehörigkeit sind die über dem Giebel des Eingangsrisalites angebrachten Gebotstafeln und die hebräische Inschrift der Jahreszahl „630“ (i.E. 1896/70) über dem Eingang. Die Empore ist durch die Nebeneingänge über im Hauptbau integrierte Treppenhäuser erreichbar. Der Baukörper, der über einem griechischen Kreuz im Grundriß gebaut ist, läßt von außen die innere Dreischiffigkeit nicht ohne weiteres erkennen. Wenn der äußeren Erscheinung einer Synagoge nach eigenem Verständnis zeitgenössischer jüdischer Architekten politische Bedeutung zugemessen werden muß, gilt dies insbesondere für das Freiburger Gebäude. Der Ort auf leicht erhöhtem Rempart an der Hauptachse von der Innenstadt zum Bahnhof muß stadttopographisch als zentrale Stelle angesehen werden. Gleichzeitig stellt die Wahl des Leiters der Gewerbeschule, der in Freiburg durch eine Vielzahl  öffentlicher Bauten präsent war, einen Schulterschluß mit der städtischen Gesellschaft dar. Das Gebäude selbst wurde aufgrund der Stilwahl von den christlichen Gotteshäusern merklich abgesetzt. Sowohl dem katholischen, gotischen Münster als auch der „romanischen“ evangelischen Ludwigskirche wurde ein deutlicher Akzent entgegengesetzt, ohne auf Anklänge zum traditionellen Kirchenbau durch dekorative Elemente zu verzichten.

Die Alte Synagoge Freiburg wurde mit Unterstützung der Gemeinde Mannheim erbaut. Am 23. September 1870 fand die feierliche Einweihung statt, zu der die israelitische Gemeinde auch den Gemeinderat geladen hatte. Anläßlich dieses Ereignisses brach die „Freiburger Zeitung“ das Stillschweigen, das sie in Bezug auf die israelitische Gemeinde jahrelang gewahrt hatte.

Als die Synagoge nicht mehr genug Platz bot, erhielt sie 1925/26 an der Frontseite eine Erweiterung durch den Architekten Levi, bei der Rundbogenfenster und neoromanisches Fries die Verklammerung zum Hauptbau darstellen. Die örtliche Topographie ermöglichte nun einen großzügigen, einladenden Eingang mit vorgelagertem repräsentativem Treppenaufgang. Die Treppenhäuser zur Empore wurden dem ehemaligen Hauptgebäude vorgelagert. Der grobe Putz und die den Eingang flankierenden zierlichen Säulen standen dabei in seltsamem Kontrast zum nun wuchtigen Erscheinungsbild der Synagoge. Die Portalumrahmungen und Werksteinarbeiten wurden in Muschelkalkstein ausgeführt und die Fassaden neu rauh verputzt und in einem grauweissen Farbton gestrichen, die Werksteine mit passender Ölfarbe gestrichen.

Die Zerstörung

Am 28. Oktober 1938 kam der Tag der ersten großen Judendeportation. Betroffen waren die Ostjuden, größtenteils polnische Staatsbürger, die oft schon lange in Deutschland lebten und der antisemitischen Hetze als Klischee des typischen Juden dienten. In Freiburg war es ein kleines Häufchen, unter ihnen der ehemalige Schächter, Kantor und Religionslehrer der jüdischen Gemeinde, Abraham Kuflik, der der orthodoxen Richtung angehörte.

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 nahmen in gezielten Maßnahmen die Ereignisse der Reichsprogromnacht ihren Lauf. 30000 männliche Juden wurden verhaftet, für mehrere Wochen in KZ gesperrt, Synagogen zerstört, Wohnungen und Geschäfte verwüstet, Juden gequält und ermordet. Freiburg blieb von diesem Pogrom nicht verschont. Zwischen 3 und 4 Uhr am Morgen des 10. Novembers brannte die Synagoge am Werderring neben dem Kollegiengebäude der Universität. Die Leiter der Aktion waren nach späteren Ermittlungen der SS-Standartenführer Walter Gunst und der SA-Brigadeführer Joachim Weist. Gestapo-Beamte wurden von ihrem Dienststellenvorgesetzten Karl Traub dazu eingesetzt, den Keller der Synagoge nach Dokumenten zu untersuchen. Gut koordiniert waren die Maßnahmen jedoch nicht: Die Gestapo-Leute wußten nicht, was über dem Keller vorging und wären beinahe nicht mehr aus dem brennenden Gotteshaus herausgekommen. Nicht eingeweihte Kriminalbeamte, die Ermittlungen anstellen wollten oder die Feuerwehr zum Löschen anhalten wollten, wurden ebenso an ihrer Pflicht gehindert wie der Freiburger Oberstaatsanwalt Weiss, dem sein Vorgesetzter dienstlich untersagte, die Brandstiftung im Sinne des Strafgesetzbuches zu verfolgen. Rabbiner Dr. Siegfried Scheuermann, Kantor David Ziegler, und der Vorsteher des Synagogenrates, der ehemalige Professor der Rotteck-Oberrealschule Löb David Maier, wurden von der Gestapo aus ihren Betten geholt und mußten den Brand mit ansehen. Die verschiedenen SA-Stürme waren mobilisiert worden und zogen schweigend an der im inneren brennenden Synagoge vorbei. In den Zeitungen war jedoch nichts zu lesen vom „Volkszorn“ der Freiburger Bevölkerung, der sich nach dem Grynszpans-Attentat angeblich Luft gemacht hätte. Diese Haltung bestätigte auch der Freiburger Gefängnisdirektor: „Ich begab mich am Abend des 10.11 zur ausgebrannten Synagoge, wo mehrere hundert Menschen schweigend umherstanden. Ausbrüche der Freude konnte ich dabei nicht feststellen.“ Die Zerstörungsakte waren, das wissen wir aus Zeugnissen weitere Gemeinden, nicht populär, sie entsprachen nicht den Wertvorstellungen der Menschen. Das Gesetzmäßige Vorgehen  gegen die Juden hatte sich als Schein entlarvt, allerdings erhob sich auch kein Proteststurm und niemand versuchte, die Juden zu schützen.

Noch während die Synagoge brannte, liefen die Verhaftungen von 137 Freiburger Juden an, die nach Dachau deportiert wurden.

 

Der Architekt

Georg Jakob Schneider (1809 – 1883) wurde als Sohn eines Zimmermanns am 18. Juni 1809 in Eichstetten geboren. Er begann 1833/34 mit dem Studium der Architektur bei Friedrich Eisenlohr (1805-1854) am Polytechnikum in Karlsruhe. Eisenlohr, gebürtig aus Lörrach, hatte ebenfalls wie Schneider in Freiburg die Zeichenschule des Weinbrenner-Schülers Arnold besucht, allerdings schon in den Jahren 1822-24. Der Vater Eisenlohrs, Jakob Friedrich Eisenlohr (1777-1854) hatte im Jahr 1819 die erst 1806 gegründete protestantische Stadt- und Universitätspfarrei in Freiburg übernommen, der er bis 1852 vorstand. Die aus dem Lehrer/Schülerverhältnis erwachsene Bekanntschaft Schneiders mit der Familie Eisenlohr sollte später wichtig für sein Schaffen in Freiburg sein.

Der Beginn der verstärkten Expansion der Stadt Freiburg ab 1840 fällt mit der Aufnahme der Lehrtätigkeit des Architekten Georg Jakob Schneider als Hauptlehrer an den Freiburger Gewerbeschule zusammen. Obwohl Schneider als Architekt eine rege Tätigkeit entfaltete, überrascht es, daß sein Werk bisher kaum Erwähnung fand. Die wenigen Daten seines Lebens lassen sich zum größten Teil auf einen Nachruf der Breisgauer Zeitung zurückführen, der von Pfarrer Ernst Issel in seiner 1906 verfaßten Chronik von Eichstetten am Kaiserstuhl wiedergegeben wurde.

Ebenfalls von Georg Jakob Schneider wurde das heutige Colombischlössle, ein herrschaftliches Gebäude in neugotisch-englischem Stil, erbaut. Für die Gräfin Maria Gertrud von Zea Bermudez und Colombi erbaute Schneider auf dem Hügel der ehemaligen barocken Bastion St. Louis am Westrand der Freiburger Altstadt die Villa Colombi in den Jahren 1859-61. Der reizvolle, zierliche Bau überrascht den Besucher durch das quadratische, zentral im Innern liegende repräsentative Treppenhaus, das von einem Oberlicht in Glas-Eisenkonstruktion abgeschlossen wird. Die leichte Konstruktion der Treppe zeigt die Vertrautheit Schneiders mit dem modernen Baustoff Gußeisen. Die Villa Colombi mit den zum Teil erhaltenen neugotischen Innendekorationen kann als bemerkenswertes Hauptwerk unter den noch erhaltenen Bauten Schneiders angesehen werden und ist heute ein wichtiges Beispiel der englisch-neugotischen herrschaftlichen Villenarchitektur im südbadischen Raum.

Im Jahr 1861 übernahm Schneider als Mitglied der Wirtschafts-Beamtung der Freiburger Universität den Aufgabenbereich eines Universitätsbaumeisters bis 1877.  Hier ist ihm vor allem der Neubau der im Ersten Weltkrieg zerstörten Neuen Anatomie 1867 zuzuschreiben. Ab 1860 war Schneider für Um- und Neubauten des Stifts der evangelischen Kirchengemeinde zuständig. Wichtige Bauten aus dieser Zeit waren das Waisenhaus 1869 und vor allem das Versorgungshaus und Hospiz in der Herrmanstraße 1876/77. Beide Bauten wurden im zweiten Weltkrieg zerstört.

Der Auftrag für die Alte Synagoge Freiburg kam wohl auch durch die Bekanntschaft zu Eichstetten, Schneiders Geburtsort, wo ebenfalls eine jüdische Gemeinde ansässig war, zustande.

Die auf kreuzförmigem Grundriss erbaute Synagoge vereinigte an den Fassaden verschiedene Stilelemente und hob sich damit deutlich von den gotischen katholischen Kirchenbauten und dem romanischen evangelischen Kirchenbau ab. Das Äußere des Gebäudes zeigt romanische, gotische und maurische Formen sowie minarettartige Aufsätze, während das Innere des Baus maurisch gestaltet war.

Die Alte Synagoge Freiburg und das Versorgungshaus waren die letzten großen Bauaufgaben Schneiders. Georg Jakob Schneider verstarb am 18. Dezember 1883 in Badenweiler.

Zwar gehörte Schneider nicht zu den bedeutendsten  badischen Architekten des 19. Jahrhunderts, die das Bauen im Großherzogtum bestimmt haben, wie Christoph Arnold, Friedrich Eisenlohr oder Heinrich Hübsch, doch stehen seine symmetrischen, klar gegliederten Bauten vermittelnd zwischen den Werken dieser Architekten.